Kultur in städtischen Räumen drückt sich aus in deren Wirkung auf die Menschen, die einen Raum bewohnen und darin arbeiten. Dazu gilt es, den Raum wie ein Lebewesen zu betrachten, und in dieser Vorstellung beschreibbar zu machen, welche spezifische, affizierende Kraft auf die Raumnutzer wirkt und deren Lebensweise und auch ihre Aneignungsweise von Raum mit bestimmt.

Ein Sich-als Raum-in-seiner-Lebensweise-Zeigen geschieht in mindestens vierfacher Weise: nämlich darüber zu klären,

  • aus welchen inhaltlichen, ‚Gehalt’ tragenden Elementen sich die Bedeutung des Raums und damit ein Raumeindruck zusammensetzt
  • was für eine Atmosphäre in einem Raum durch seine gebaute Gestalt – Enge / Weite, Licht, Farben, etc. – herrscht,
  • in welcher Verbindung Gestalt und Gehalte im Raum zueinander stehen, weil sie in bestimmter Weise gesehen/ erzählt werden, so dass ihre Konstellation zu Umgangsformen führt,
  • was als sich mitteilender Impuls, der mit diesem Gefüge verbunden ist, auf Raumnutzer wirkt: als Einladung, als Abwehr, Irritation, Bestätigung oder anderes.

Bleibt diese vierfache Wirkung der Artikulation des Raumes unklar, widersprüchlich, diffus und findet der Raumnutzer in dem Raum keine „Anker“ für sein eigenes Leben und Tun, dann gilt: der Raum bleibt für seine Nutzer/ Bewohner ebenfalls diffus und ihre Versuche, ihn für sich zu ‚lesen’ und zu verstehen, führen nicht zum Ziel. In diesem Sinne ist dann ein städtischer Raum – raumtheoretisch gesprochen – ‚unsynthetisierbar’; man kann sich keinen rechten Reim darauf machen und das macht den Raum zumindest zu einem ‚unbefriedigenden’ Raum, vielleicht auch zu einem anstrengenden, weil man sich latent oder fortgesetzt aufgefordert sieht, den Raum doch irgendwie verstehen zu können.

Deswegen kommt es beim ‚Lesen’ von und beim Leben in und mit Räumen darauf an, zu bedenken und zu berücksichtigen, dass Räume die Menschen - durch die von ihnen ausgehenden Aktivierungspotenziale - auf verschiedene Weise in ihren Entfaltungsmöglichkeiten beeinflussen und auch beeinträchtigen können.

Insofern machen und gestalten Menschen nicht nur Räume, sondern umgekehrt gilt auch: Räume/ städtische Räume ‚machen’ oder – etwas weniger stark formuliert – beeinflussen und prägen Menschen und deren Art zu leben entscheidend mit. Die Art dieser Prägung bezieht sich auf verschiedene Funktionen, die der städtische Raum für Menschen und ihre Entfaltung hat, Funktionen, die in ihrer Summe ein mehr oder weniger gelingendes ‚Wohnhaft werden auf der Erde’ entstehen lassen. Damit ‚Wohhaft-Werden’ möglich ist/ wird, brauchen Menschen:

  1. Atmosphären, die aus der Artikulation der Räume entstehen und die so sein sollten, dass sie die Raumnutzer bestmöglichst ‚tragen’, sie mindestens aber nicht beeinträchtigen,
  2. eine dinglich ausgestattete und gestaltete Umgebung, die mit Blick auf menschliche Lebensprozesse zweckmäßig ausgestattet und verlässlich verfügbar ist und insofern ein Gefühl von Beheimatung entstehen lässt,
  3. in den von Menschen genutzten Räumen eine Möglichkeit, sich in die dort herrschende Umgangsweise einzubringen und dabei als Person ‚erscheinen’ zu können und wahrgenommen zu werden,
  4. ein Angebot von Be-Lebungsweisen, das aus dem städtischen Raum heraus wirkt als Impuls für das Realisieren eigener Lebensmöglichkeiten und insofern als affizierendes Entfaltungspotenzial des Raums wirken kann.